Stolpersteine in Schriesheim

Gedenkprojekt Stolpersteine

Liebe Mitchristen, ganze 10cm² messen die kleinen Messingplatten, die sich auf Gehwegen und Plätzen in inzwischen 21 Ländern finden. Ihr Erfinder ist der Künstler Gunter Demnig, der vergangenen Freitag 70 Jahre alt geworden ist. 1990 verlegte er den ersten so genannten Stolperstein. Das war in Köln, als er dort die Spur der Erinnerungen zum Gedenken an die Deportation von 1000 Roma und Sinti im Jahr 1940 durch die Nazis. Über die Jahre sind die Stolpersteine zur weltweit größten dezentralen Gedenkstätte geworden und umfassen heute 63000 Steine. Diese finden ihren Platz vor dem letzten selbstgewählten Wohnort von Opfern der NS-Zeit. Ob Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Euthanasieopfer…. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten und dann vertrieben oder zur Emigration gezwungen oder deportiert und ermordet wurden. Die Steine entreißen sie der Anonymität und dem Vergessen. Auf den Steinen steht geschrieben: HIER WOHNTE... Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.  'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist', zitierte Gunter Demnig den Talmud bei der Verlegung der ersten Stolpersteine.

Zum Glück gibt es Menschen wie Gunter Demnig und Initiativen wie die der Stolpersteine, die sich der Geschichte stellen und es sich zur Aufgabe machen, die Verbrechen des Nationalsozialismus vor Ort zu benennen. Denn Deportationen von Opfern fand ja in der Nachbarschaft statt, die Menschen hatten alle einen Namen und eine Wohnung.

Dies macht die Aktion Stolpersteine wieder sichtbar. Inzwischen liegen Stolpersteine in 1099 Orten Deutschlands und in weiteren 20 Ländern Europas. Für 120 Euro kann übrigens jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen. Auch in Schriesheim finden sich inzwischen 26 solcher Steine, verlegt 2012, 2013 und 2015. Unsere Pfarrgemeinde, insbesondere unsere kfd, aber auch der Pfarrgemeinderat sowie unser Gemeindeglied Professor Dr. Joachim Maier, haben von Anfang an die Verlegung der Steine befürwortet und den entsprechenden Antrag 2010 im Gemeinderat mit eingebracht.

Das dieser von unserer Pfarrgemeinde mit eingebrachte Antrag auf Verlegung von Stolpersteinen  Erfolg hatte, erfüllte mich mit Freude und Genugtuung, wusste ich doch seit 2003 darum, dass auch ein Glied unserer Gemeinde Opfer dieses verbrecherischen Systems geworden ist. 2003 musste ich Paula Rabas geb. Fürderer im gesegneten Alter von 90 Jahren beisetzen. In der Vorbereitung der Trauerfeier habe ich damals von ihren Töchtern erfahren, wie die Mutter die Schrecken des Nationalsozialismus am eigenen Leben erfahren musste und wie sehr sie unter dem Tod ihrer Schwester Maria Katharina gelitten hat.

Diese hat  nach Abschluss der Volksschule das Schneidern erlernt, später auch noch Haushaltsführung. Sie war danach in Heidelberg, Frankfurt, London und Paris, zuletzt in Mannheim im Haushalt des jüdischen Bankdirektors Fuld angestellt. Sie hat die Judenhetze der Nazis nicht verkraftet. Seit 1935 glaubte sie sich von der Gestapo verfolgt; sie erkrankte und kehrte nach Schriesheim zurück. Im Juli 1936 wurde sie zunächst in die Psychiatrische Klinik Heidelberg und danach im Oktober wegen „Nervenleidens“ in die Heilanstalt Wiesloch eingewiesen. Gegen den Verbleib dort wehrte sie sich in mehreren Briefen energisch, aber ohne Erfolg. Als die Anstalt Wiesloch Anfang Juni 1944 kriegsbedingt weitgehend von Patienten geräumt wurde, kam Maria Katharina Fürderer in die Anstalt Hadamar bei Limburg. Dort fiel sie am 30. Januar 1945 der „Euthanasie- Aktion“ der Nazis zum Opfer. Ich hätte es Paula Rabas gewünscht noch erleben zu dürfen, dass ihrer Schwester am 5. Februar 2015 ein Stolperstein in der Mannheimer Straße 2, ihrem letzten Schriesheimer Wohnsitz, gewidmet wurde.

Nächste Woche gedenken wir wieder Nacht, da in unserem Land Synagogen brannten und jüdische Häuser zerstört und deren Bewohner geschlagen und zuhauf ermordet wurden. Die Woche darauf steht der Volkstrauertag im Kalender und wieder eine Woche später der Totensonntag. Nicht wenigen Zeitgenossen ist dieses dauernde Gedenken zu viel. Warum, so fragen sie, sollen wir Jahr um Jahr der Verbrechen unserer Ahnen gedenken? Weil es um Verbrechen unsäglichen Ausmaßes geht, verübt von Menschen an Menschen.

Nicht irgendwo in einem fremdem Erdteil. In Deutschland, einem hochzivilisierten Land, dem Land der „Dichter und Denker". Goethe, Schiller - und über ihrer Stadt Weimar das KZ Buchenwald. Unsere Eltern und Großeltern haben den „Zivilisationsbruch" begangen! Sie haben mitgemacht, weggeschaut, profitiert… Die Nazis haben es geschickt angestellt, möglichst das ganze Volk zu Mittätern zu machen – ich denke da bspw. an Auktionen in deutschen Städten, bei denen enteignetes und geraubtes jüdisches Eigentum versteigert wurde und Tausende kamen und kauften - und war es auch nur ein kleiner Kerzenleuchter, eine Brosche, ein Teller, ein Glas. Daran erinnert zu werden, ist unangenehm, störend und lästig!

Und doch ist es nötig. Denn viele Alte leugnen noch allzu oft ihre Schuld - wollen nicht bezeugen, was sie gewusst, ignoriert, bejaht, unterstützt und wovon sie profitiert haben. Die Jungen können nicht schuldig geworden sein und scheinen in großer Zahl vom vielen Gedenken und von allzu vielem Wissen müde zu werden!

Und doch: es kann beim Gedenken kein zu viel geben. Denn für die Opfer sind Erinnern und Gedenken Ausdruck des Protestes gegen die erfahrene Entmenschung, stellvertretend auch für jene, die nicht mehr klagen und anklagen können.„Die volle uneingeschränkte Wahrheit kennen nur die, die in den Gaskammern gestorben sind" sagt der ungarisch-jüdische Schriftsteller Imre Kertécz. Für die Überlebenden ist nichts vorbei! Sie leiden und klagen um ihre Toten! Ihr Leben hat bis heute keine „Normalität" gefunden! Ihre Kinder und Kindeskinder leiden heute unter dem grausamen Schicksal, das ihren Eltern und Großeltern zugefügt wurde!

Aber auch für uns, die Nachgeborenen, haben Erinnern und Trauern, die Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung eine große Bedeutung. Wir können nichts wiedergutmachen! Aber: Indem wir uns erinnern und gedenken, können wir Mitgefühl, Mitleiden, Einfühlung lernen und zeigen! Das ist ein Reichtum und wehrt der Entmenschlichung. Wir wissen alle aus eigener Erfahrung, wie wohl uns das Zuhören und die Anteilnahme anderer tun, wenn Kummer uns das Herz quält.

Durch das Wissen um die großen Verbrechen und das durch sie bis heute verursachte Leid werden wir hoffentlich empfindsamer, aufmerksamer, warmherziger im Umgang mit anderen Menschen. Über das Wissen von Schuld und Schande hinaus können wir Liebe, Freundschaft, Solidarität erfahren, wenn wir zum Zuhören, zum Lernen und Verstehen bereit sind. Das Erinnern und Gedenken hilft mit, Verantwortung für das Gestern wie das Heute zu übernehmen und die Gesellschaft mitgestalten - getragen von dem Wunsch: Nie wieder!

Erinnern und Gedenken dienen also nicht allein den Vernichteten, die wir in unserem Gedächtnis bewahren wollen und den lebenslang beschädigten Überlebenden, mit denen wir uns mit Verantwortung und in Solidarität verbinden. Erinnern und Gedenken dienen auch uns selbst, der Entwicklung unserer Persönlichkeit und der Gestaltung unserer Gegenwart. Wir, die katholische und evangelische Gemeinde werden uns als Unterstützer des Projekts Stolpersteine auf jeden Fall dafür einsetzen, aller Betroffenen zu gedenken. Pfarrer Ronny Baier

Wir gedenken der Behinderten,
der unheilbar Kranken und der psychisch Kranken,
denen man den Wert des Lebens absprach.
80. bis 100.000 Menschen wurden von den Nazis ermordet:

so auch Maria Katharina Fürderer und Valentin Bock aus Schriesheim.
Wir gedenken gerade auch der ermordeten geistig und körperlich behinderten Kinder, die als "Ballastexistenzen" und "unwertes Leben" galten.
Man sprach von "Gnadentod" und mordete durch Injektionen,
Medikamente, Giftgas  oder ließ die Menschen verhungern.

Nie wieder soll dies in unserer Mitte geschehen!