Wochenimpuls: Zwei starke Frauen
17.11.2025 |
Liebe Leserinnen und Leser,
aktuell ist im Museum Frieder Burda in Baden-Baden eine äußerst sehenswerte Ausstellung über den Impressionismus in Deutschland zu sehen: IMPRESSIONISMUS IN DEUTSCHLAND - Max Liebermann und seine Zeit. Aber keine Angst, ich will nun nichts zu den deutschen Impressionisten schreiben. Da schauen Sie sich lieber die genannte Ausstellung an, die noch bis Februar 2026 läuft.
Wenn ich an Frieder Burda denke, dann denke ich immer auch an seine Mutter Aenne Burda, die vor 20 Jahren am 3. November 2005 gestorben ist. Das war die Frau, die mit ihren Nähzeitschriften das Leben unzähliger Frauen im Nachkriegsdeutschland verändert und verbessert hat. Auch meine Oma schwärmte noch von den Burdaheften, als ich ein Kind war. Dank Aenne Burdas Hilfe zur Selbsthilfe in Sachen Näharbeiten konnten sich viele auch bei knappem Geldbeutel Freude an Mode leisten.
Aenne Burda will ich eine zweite Frau an die Seite stellen; Catharina Damen, die am 19. November 1787 als Tochter einfacher Landleute in De Laak bei Stevensweert in der niederländischen Provinz Limburg geboren wurde. Eine kleine Episode verbindet bildlich die beiden Frauen. Ich kann mir gut vorstellen, wie Aenne Burda zusammen mit ihren Schneiderinnen ein Model betrachtet. Die Frau im schicken Kleid dreht sich, hebt die Arme, senkt sie wieder. Aenne und die anderen schauen genau hin. Wo sitzt die Naht? Wie kommt der Schwung zustande?
Als 1835 ein Franziskaner vier Frauen besucht, die in Heythuysen, im Süden der Niederlande der Laiengemeinschaft des hl. Franziskus angehören und dort Kindern, Armen und Kranken helfen, sieht er sich plötzlich von seinen Gastgeberinnen umringt, und eine davon, Catharina Damen, bittet ihn, die Arme zu heben, sich im Kreis zu drehen. Die Frauen schauen genau hin, wie das Ordensgewand geschnitten ist. So, genauso wollen sie es auch machen! Catharina Damen und ihre ersten Gefährtinnen und ein sicherlich verdutzter Franziskaner – und schließlich ein Ordensgewand.
Aenne Burda und Catharina Damen: zwei starke Frauen, die viel erreicht haben in verschiedenen Zeiten und mit verschiedenen Missionen – und mit einer Gemeinsamkeit, die mich fasziniert. Nicht nur die Geschichte mit dem Schnittmuster. Beide waren sehr engagiert. Für ihre Sache, ihren Traum, ihre Berufung. Sie haben es sich etwas kosten lassen.
Catharina Damen, von ihren Gefährtinnen Mutter Magdalena genannt, sucht nach einer ausdrücklichen geistlichen Lebensform und fühlt sich gedrängt, für ihre Gemeinschaft die Anerkennung der Kirche zu erbitten. So geht sie zum zuständigen Bischof und wird erst einmal abgewiesen. Denn die Frauen haben weder Geld für den Kauf eines geeigneten Hauses, noch hat eine von ihnen eine entsprechende Ausbildung. Catharina kann nur die Zusicherung anbieten: "Es soll nicht mein Werk sein. Gott wird sorgen!" Sechs Wochen, nachdem der Bischof die Klostergründung ablehnte, geht Catharina Damen noch einmal die 60 Kilometer zu ihm – und überzeugt ihn. „So mag sie denn mal anfangen“, sagt er.
Und Aenne Burda? Sie trotzt ihrem Mann, dem großen Verleger, die Gründung der Nähzeitschrift ab. Engagierte Frauen, die sich erstritten haben, was sie als ihren Auftrag erkannten. Und gleichzeitig haben beide gewusst, wo es sich nicht lohnte zu kämpfen. Wo sie sich arrangieren mussten. Mit Zuständen und Menschen.
Catharina Damen mit einem, vorsichtig formuliert, wenig wertschätzenden Pfarrer, der sie und ihre Mitschwestern nicht mochte, einem zaudernden Bischof, der ihrem Ansinnen skeptisch gegenüberstand. Aenne Burda angesichts der notorischen Untreue ihres Mannes. Beide Frauen engagieren und arrangieren sich – und wissen, was wann dran ist. Ich bin wahrlich kein Nähtalent! Aber ich betrachte diese beiden Frauen, um mir abzuschauen, wie sie sich engagieren und sich arrangieren. Im richtigen Moment das Richtige wählen. Davon kann ich etwas lernen. Mich nicht in aussichtslose Streitereien verbeißen – und doch nicht zu früh aufgeben. Das will ich weiter üben im Kleinen, in Beidem: mich engagieren, mich arrangieren.
Ihr Pfarrer Ronny Baier
