Wochenimpuls: Einmischung
24.11.2025 |
Liebe Leserinnen und Leser,
unübersehbar verlieren beide großen Kirchen in unserem Land nicht nur zahlreiche Mitglieder, sondern auch – nicht zuletzt aufgrund der allseits bekannten Skandale – viel Vertrauen in der Bevölkerung.
Vor allem die katholische Kirche erreicht mit ihren lehramtlich-offiziellen Positionen in weiten Teilen nicht mehr die eigenen Mitglieder, geschweige denn Außenstehende. Andererseits belegen aktuelle Studien, dass die Arbeit von Diakonie und Caritas selbst in der mehrheitlich nicht mehr getauften jüngeren Generation ein hohes Maß an Vertrauen genießt. Dagegen rangieren die Kirchen bezüglich der Vertrauens- und Zustimmungswerte eher am unteren Ende der Skala.
Das zeigt, dass das soziale und caritative Engagement der Kirche noch immer hochgeschätzt wird, ja mehr noch, dass man sie daran misst. Das heißt aber auch, dass eine Kirche, die sich aus unterschiedlichen Gründen aus sozialem Engagement zurückzieht, in den Augen vieler die Existenzberechtigung verliert, frei nach dem Motto „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“
Die Kirche soll sich um die Armen und die Kranken kümmern, sie soll Trost spenden, Menschen inneren Halt geben, Lebenswenden mit rituellen Formen begleiten, sie soll sinnstiftend wirken und auch Werte vermitteln. Aber ansonsten soll Kirche bitte ruhig sein. Etwas, das diese Ansicht unterstreicht, ist der aktuell deutlich verschärfte Ton von politischen Entscheidungsträgern gegenüber einer kirchlichen „Einmischung“ in die Politik.
Natürlich können die Kirchen für sich keinen Anspruch reklamieren, politische Entscheidungsträger mit geistlicher oder moralischer Autorität zu belehren oder ihnen gar Vorgaben für ihre Arbeit zu machen.
Die Kirchen sind aber sehr wohl gefordert, ihre Stimme dann zu erheben, wenn es die christliche Lehre vom Menschen mit ihrer Kernüberzeugung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen und der daraus entspringenden unbedingten Würde gebietet.
Dazu gehört unbedingt der Einsatz für Menschen in Not und Gefahr, aber auch der Einsatz für die bedrohte Schöpfung. Wir befinden uns in einer Zeitenwende. Lange Zeit galten kirchliche Interventionen als erwünscht und hilfreich. Nun scheinen sie in umstrittenen Politikfeldern wie Migration, Flucht und Vertreibung unerwünscht zu sein und polarisierend zu wirken. Vielleicht muss es so sein.
Denn wenn man vom Neuen Testament her Religion auch als „Störfaktor“ rein innerweltlicher Logiken von Macht, wirtschaftlichen Interessen und politischen Kalküls versteht, müssen religiös motivierte Interventionen notwendig zu Irritationen und Befremden, womöglich auch zu Unverständnis führen und vermeintlich politische Sicherheiten infrage stellen dürfen.
Die massive Kritik der Politik an kirchlichen Positionierungen kann den Kirchen auch helfen, sich von der Erwartungshaltung befreien, die Kirchen hätten sich stets staatswohldienlich – mit anderen Worten: zahm – zu verhalten.
Die prophetische Dimension des Evangeliums mit seiner radikalen, unbedingten Aufforderung zur Anerkennung der Würde jedes Menschen gleich welcher Hautfarbe, Religion, Herkunft und welchen Geschlechts kann zum Stachel im Fleisch von Gesellschaften und Staaten werden.
Und das vor allem dann, wenn diese ihre Grenzen und Herzen vor dem Fremden schließen und vermeintliche nationale Interessen als vorrangig deklarieren, statt sich „über“national, europäisch oder global – als Teil einer Weltgemeinschaft zu verstehen, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist.
Darum darf und muss Kirche über Caritas und Diakonie hinaus sehr wohl die Verbundenheit der Menschheit untereinander betonen und für das Leben eintreten.
Und sie muss all denen die Stirn bieten, die Menschenrechte mit Füßen treten und die die Ressourcen für ein auskömmliches Leben aller Menschen zerstören.
Ihr Pfarrer Ronny Baier
