Fensterbild von Hans Grohe

Der antike Held Aeneas in der Schriesheimer Kirche

 

Seit Juni d. J. ist in unserer Schriesheimer Kirche ein Fensterbild des Künstlers Hans

Grohé zu sehen, der 1913 in Nachbarschaft zur Mannheimer Heilig Geist Kirche zur Welt kam, in der er viele Jahre als Oberministrant amtierte und in deren Jugendarbeit er engagiert war. Gern hätte die Mutter es gesehen, dass ihr Sohn Priester würde.

Das vorgesehene Theologiestudium in Freiburg kam 1933 aber nicht zustande, weil die Diözesanleitung erfahren hatte, dass der sprachlich und künstlerisch hochbegabte Hans Grohé viel lieber Zeichner und bildender Künstler werden wollte. Auch ein Postulat (Probezeit)  bei den Benediktinern im Stift Neuburg oberhalb von Ziegelhausen endete schon ein Jahr später.

Das Leben im Kloster war nichts für Hans Grohé und engte ihn in seiner künstlerischen Entwicklung zu sehr ein, was auch der damalige Abt, Adalbert von Neipperg (1890-1948) spürte. Er riet Hans Grohé schließlich das Kloster zu verlassen, um künstlerisch tätig zu sein. Bevor Hans Grohé dann nach Freiburg ging, um sich der Kunst zu widmen, verbrachte er noch eine kurze Zeit im Kloster Münsterschwarzach bei Würzburg, um dort die Kunst der damals populären Beuroner Schule kennen zu lernen.

Auch wenn ihn die Beuroner Kunst nicht begeisterte, so finden sich doch später bei Hans Grohés „Meditationes Exinquaes“ Anklänge der Kunsttheorie von Pater Peter Lenz wieder, der die Beuroner Schule maßgeblich prägte. Pater Lenz glaubte, mit Hilfe der "ästhetischen Geometrie", den "heiligen Maßen", einem eigenen "Farbkanon" und den Zahlenproportionen der Ägypter eine "Heilige Kunst" konstruieren zu können. Parallelen dazu finden sich wie gesagt in den kleinen farbigen Meditationen Grohés wieder.

Hans Grohés viel versprechende künstlerische Entwicklung wurde jäh durch den Krieg unterbrochen, der ihm zusammen mit der anschließenden russischen Kriegsgefangenschaft viele wertvolle Jahre raubte. Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft und der Gründung einer Familie galt es für Hans Grohé  eine gesicherte Existenz aufzubauen und auch von der Kunst leben und eine Familie ernähren zu können. Dabei halfen ihm die verschiedensten Menschen auf ganz unterschiedliche Weise.

Abt Adalbert von Neipperg starb 1948 unter der Folter in der Kriegsgefangenschaft in Serbien. Sein Nachfolger in Stift Neuburg wurde Dr. Albert Ohlmeyer (1905-1998), der wie auch schon sein Vorgänger Hans Grohé in seinem Schaffen förderte. Von Abt Ohlmeyer stammt auch das theologische Bildkonzept, das der Altarwand unserer Schriesheimer Kirche zugrunde liegt, welche Hans Grohé geschaffen hat.

Auch den Tabernakel unserer Kirche, der inzwischen in der Sakramentskapelle einen herausgehobenen Platz erhalten hat und dort zum Verweilen und zum Gebet vor dem Allerheiligsten einlädt, hat Hans Grohé entworfen.

Das Fensterbild, welches nun den alten Hauptzugang zur Kirche von der Heidelberger Straße aus schmückt, stammt aus dem Nachlass des aus Feudenheim stammenden und am kunsthistorischen Institut der Heidelberger Universität lehrenden Kunsthistorikers, Prof. Ewald Maria Vetter (1922-2006), der Hans Grohé und dessen Geschwister schon als Schüler des Mannheimer Karl Friedrich Gymnasiums kannte.

Prof. Vetter blieb Hans Grohé ein Leben lang verbunden und gab auch immer wieder kleinere Arbeiten bei diesem in Auftrag. Vetters Lebensaufgabe war die Erforschung der christlichen Ikonographie. Seine Kenntnisse der abendländischen, speziell christlichen Bildkunst waren außerordentlich umfassend und reichten vom Mittelalter bis in die Barockzeit.

Auf dem Gebiet der Marienikonographie war er ein herausragender Kenner. Seine eigene Religiosität führte ihn dabei immer wieder zu neuen Fragestellungen und vertiefte sein Verständnis für die Materie über das rein Akademische hinaus.

Für Prof. Vetter schuf Hans Grohé Ende der 1980er oder zu Beginn der 90er Jahre das Fensterbild, welches nun in der Schriesheimer Kirche seinen Platz gefunden hat. 1998 wurde es im Haus Prof. Vetters in Feudenheim eingebaut und befand sich dort bis vor zwei Jahren.  Als nach Prof. Vetters Tod im Jahr 2006 sein Haus verkauft und umfassend renoviert worden ist, nahm Herr Wolfgang Nusselt, Freund und Nachlassverwalter des Verstorbenen das Fensterbild  zu sich nach Hause.

Als wir uns auf Vermittlung von Stift Neuburg an Herr Nusselt wandten, um ein wenig mehr über das künstlerische Schaffen von Hans Grohé und dessen Verbindung zu Prof. Vetter zu erfahren, bot er sogleich an, das Fensterbild uns zum bevorstehenden Kirchenjubiläum zu schenken und es nicht wie beabsichtigt ans Kunsthistorische Museum in Bielfeld abzugeben, wo es wohl in den Depots verschwunden wäre. Bielefeld deshalb, weil dort ab Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts Hans Grohés Lebens- und Arbeitsmittelpunkt war. In Bielefeld unterrichtete er viele Jahre als Lehrer und später als Professor an der Werkkunstschule, heute Fachhochschule für Design.

Nun wissen Sie ein wenig vom Künstler des Bildes, von dessen Entstehen und auch etwas über seinen Weg nach Schriesheim. Nun sollen Sie etwas zum Bildmotiv des Fensters erfahren, was letztlich auch den Ort erklären wird, wo das Fensterbild seinen Platz  gefunden hat, nämlich im alten Westportal, dem früheren Haupteingang von der Heidelberger Straße her. Und da sind wir nun bei der antiken Mythologie gelandet, genauer beim römischen Dichter Vergil.

Publius Vergilius Maro wie sein voller Name lautet wurde 70 vor Christus in Andes bei Mantua als Sohn einfacher, aber nicht unvermögender Gutsbesitzer geboren. Die Eltern ermöglichten ihm eine umfassende Schul- und rhetorische Ausbildung in Cremona, Mailand, Rom und Neapel.

Nach einem Misserfolg bei einem öffentlichen Auftritt verfolgte er seine Laufbahn als Redner jedoch nicht weiter, sondern wendete sich fortan ganz der Dichtkunst zu. Im Dichterkreis seines Förderers Maecenas findet er Freundschaft und Rückhalt für sein dichterisches Schaffen, das sich rasch hin zu einer staatstragenden Dichtung im Sinne der Reformen des Oktavian-Augustus entwickelte.

Nach den Jugendgedichten, der Hirtendichtung Bucolica (42-39) und dem Lehrgedicht vom Landbau Georgica (ca. 37-30) arbeitete Vergil von 29 – 19 vor Christus an einem nationalen Epos, das zugleich sein Hauptwerk darstellt: an der Äneis.

Im Jahre 20 reiste er nach Griechenland, um dort und in Kleinasien, der Heimat seines Vorbildes Homer, das Epos fertig zu stellen. Mit Kaiser Augustus, den er in Athen traf, reist er zurück nach Rom. Während der Reise erkrankt Vergil und stirbt am 21.9.19 vor Christus in Brindisi.  Beerdigt wurde er in Neapel.

Das Hauptwerk Vergils ist wie bereits erwähnt ein aus 12 Büchern bestehendes Heldenepos über die Irrfahrten des Äneas, des Stammvaters des julischen Hauses, vom Untergang Trojas bis zur Sicherung der neuen Heimat in Latium (Italien) und der Grundsteinlegung der späteren römischen Weltherrschaft. Die Äneis wurde das Nationalepos der Römer und war schon kurz nach ihrer Entstehung Pflichtlektüre eines jeden römischen Schülers.

Für Vergil war bereits durch die Wahl seines Stoffes der Lobpreis des Kaisers Augustus eingeschlossen, da dieser infolge der Adoption durch Julius Caesar zum julischen Geschlecht gehörte, das wiederum seine Abstammung offiziell auf die Göttin Venus zurückführte und diese  war schließlich die Mutter des Helden Äneas.

Das Fensterbild führt uns ins 6. Buch der Äneis. Es zeigt den Helden Äneas, der nach der Landung an der Westküste Italiens bei Cumae im dortigen Apollotempel  auf die Seherin Sybille trifft. Diese kündete ihm und seinen Gefährten weitere schwere Kämpfe, danach aber den endgültigen Sieg an.

Vor der Weiterreise steigt Äneas mit Sybille in die Unterwelt hinab, um dort den Geist seines verstorbenen Vaters zu treffen. Dank eines magischen goldenen Zweigs konnte Äneas die Unterwelt wieder verlassen. Das Fensterbild zeigt Äneas mit dem goldenen Zweig in Händen.

Und das Schriftband über der Szene steht in Bezug zu diesem goldenen Zweig. Es lautet (VI,145)  „Ipse volens facilisque sequetur, si te fata vocant“ - „Er (der goldene Zweig) folgt dir leicht und von selber, wenn das Schicksal dich ruft.“

 

Keinem ist  erlaubt, in die Tiefen der Erde zu dringen,
wenn er zuvor nicht des Baums goldhaarige Sprossen gepflückt hat,
die zum Ehrengeschenk sich die schöne Proserpina weihn lässt.
Pflückt man den Zweig, so wächst sogleich nach dem ersten ein zweiter,
Golden wie jener; es schlägt ein Reis von demselben Metall aus.

Spähe daher hoch aus mit dem Blick und, wenn du ihn findest,
Pflück ihn ab mit der Hand ; denn er folgt dir leicht und von selber,
Wenn das Geschick dich ruft. Sonst wirst du mit keiner Gewalt ihn zwingen;

 du könntest ihn selbst mit dem härtesten Eisen nicht abhauen.

 

Das zeigt, dass es nicht in Äneas Hand liegt, ob ihm der Zugang zur Unterwelt, sprich dem Totenreich gewährt wird, sondern nur wenn es seine Bestimmung ist. Dort in der Unterwelt erfährt Äneas durch seinen verstorbenen Vater von der künftigen Größe und dem Geschichtsauftrag Roms, der Stadt, die aus seiner Gründung entstehen wird.

Was hat solch ein Motiv nun aber in einer Kirche zu suchen? - Nun, die Kirche hat von Anbeginn antike Motive, Mythen, Symbole, Feste übernommen, christlich umgedeutet, überformt, zur christlichen Verkündigung in Bezug gesetzt und schließlich auch in die christliche Kunst übernommen.

Denken wir nur an das Fest des Sol Invictus, das Fest des unbesiegbaren Sonnengottes, des höchsten römischen Gottes Jupiter. Er wurde in Bezug zu Christus gesetzt, genauer, Christus ersetzte ihn als die wahre Sonne der Gerechtigkeit. Der Festtag des Sol Invictus war der 25. Dezember und ist heute das christliche Weihnachtsfest, das ja wie auch Ostern geradezu erfüllt ist von der Lichtsymbolik.

Und gerade auch die frühchristlichen Christusdarstellungen, die überwiegend einen jugendlich aussehenden und bartlosen  Mann zeigen, haben vielfach Ähnlichkeiten mit Jupiter- oder Zeusdarstellungen der Antike.

Oder denken wir an die Mariendarstellungen, die eindeutig Anklänge an heidnisch-antike Vorbilder sind, etwa der Muttergöttin Venus oder der Erdgöttin Tellus mit ihren Säuglingen. Oder auch die Darstellungen der thronenden ägyptischen Göttin Isis mit ihrem Sohn Horus an der Brust säugend. Diese Kindgötter stehen für den Neubeginn und das göttliche Leben.

Oder denken wir schließlich an die frühchristlichen Darstellungen Jesu als gutem Hirten etwa in römischen Katakomben. Sie haben ihre direkten Vorbilder in Darstellungen des Götterboten Hermes, der immer wieder mit Widder oder Schaf auf den Schultern dargestellt wurde.

Seit dem Kirchenvater Klemens von Alexandrien (140-216) wurden Äneas und Orpheus als Präfigurationen (Vorausbilder) Christi gedeutet. Entsprechende Interpretationen finden sich auch bei Eusebius von Caesarea (†339), bei Kyrill von Alexandrien (†444) und auch bei Augustinus von Hippo (354-430).

Der Abstieg des Äneas und des Orpheus in die Unterwelt wurde mit dem Abstieg Christi in die Totenwelt verglichen. Während allerdings Äneas seinen toten Vater und Orpheus seine geraubte Geliebte schließlich zurücklassen mussten, zerbrach Christus die Höllenpforte und führte die Gefangenen der Tiefe hinauf in den Himmel, hinauf ins göttliche Leben.  Orpheus bezauberte mit seiner Musik die wilden Tiere – Christus die Sünder. Bis ins 5. Jahrhundert wurde Orpheus in der christlichen Literatur oft als Prophet Christi beschrieben.

So wundert es nicht, dass auch klassische Orpheus-Motive in der frühchristlichen Kunst Eingang finden, die als Christus-Darstellungen zu sehen sind, etwa die Orpheus-Christus Darstellungen  in den Marcellinus und Petrus Katakomben sowie auf Wandmalereien in den Kallixtus und den Domitilla Katakomben  in Rom.

Oft sind diese auch mit dem Motiv des Guten Hirten verbunden und zeigen einen Leierspieler mit Schafen an seiner Seite. Erst ab dem 16. Jahrhundert werden diese Motive nicht mehr christlich gedacht, weshalb heute Darstellungen des Äneas oder Orpheus in einer christlichen Kirche im Gegensatz zur frühen Kirche ungewohnt scheinen.

Vielleicht wurde die Gestalten des Äneas und Orpheus ja auch deshalb so gern von den alten Kirchenvätern als Allegorien und Sinnbilder für Christi Tod und Auferstehung aufgegriffen, weil es zu kaum einem anderen Unterweltbesucher so wenige längere und systematische Ausführungen gibt wie zu Christus.

Obwohl als Bestandteil in das christliche Glaubensbekenntnis aufgenommen, gibt das Neue Testament keine Auskünfte über den Aufenthalt Christi in der Unterwelt. Es wird lediglich angedeutet, dass er sich in der Unterwelt aufgehalten hat. Umso plastischer schildern dagegen die antiken Unterweltfahrten die Gegebenheiten der Unterwelt und des Totenreichs, welche für spätere Darstellungen der Hölle und des Fegefeuers Pate standen.

 

Auch dass das beschriebene Fenster im ehemaligen Haupteingang der Kirche zu finden ist, also im Westen, ist voller Symbolkraft. Im Osten geht die Sonne auf, und damit sind im christlichen Bereich der Osten und der Sonnenaufgang zum Symbol für das Entstehen, für Geburt, für neues Leben für Auferstehung geworden.

Der Sonnenuntergang im Westen dagegen ist das Symbol für das Ende, für den Tod und das Sterben. So folgen  die meisten Kirchen der Ost-West-Ausrichtung, in welcher der Chorraum nach Osten zeigt. Dort beginnt ist das Leben. Nach Westen ausgerichtet, ist der Haupteingang das Symbol der Bewegung vom Tod ins Leben. Ich würde es mir sehr wünschen, dass dieses Bild auf Ihr Interesse stößt und Sie auch Freude daran finden werden.

Herzlichst Ihr Pfarrer Ronny Baier